Verfasst von: eranger1 | 17. März 2010

Im Rhythmus der Natur

Der idyllische Potokgraben – im Anschluss an das Naturschutzgebiet „Trögerner Klamm“ – bot Erfahrungsraum für SchülerInnen der 3b Klasse, Hauptschule Bad Eisenkappel, um sich mit Landschaftsinstallation und Landart auseinanderzusetzen.

Landart-Gestaltungen sind für jeden möglich. Sie erlauben uns, unseren Empfindungen angesichts der Natur Ausdruck zu verleihen und die Natur mit Neugier, Humor und Respekt zu entdecken.

Am Ende des Naturschutzgebietes Trögerner Klamm befindet sich eine wildromantische Gegend, der so genannte Potokgraben. Früher lebten Leute dort und fristeten Ihren Lebensunterhalt mit dem Schlagen von Mühlsteinen. Jetzt ist der Graben aber schon jahrelang  unbewohnt. Neben einem breiten Bachbett hat im ersten Teil nur noch ein schmaler Weg zwischen den hoch aufragenden, bedrohlichen  Felsen Platz.  Danach wird es noch enger und man kann sich nur noch im Bachbett bis zu einem hohen Wasserfall voran bewegen. Überall liegen einzigartig rotweiß gefärbte und sonderbar geformte Steine.

Die Einheimischen wollen ungern über diese Gegend erzählen und versuchen besorgt, die Fremden vom Betreten des Grabens abzuhalten. Nach einigen 100 Metern haben sie sogar ein großes Tor gebaut, um so die Besucher vor eventuellen Gefahren zu bewahren. Wenn man hartnäckig genug ist, erfährt man,  dass es im Potok – man kann das mit „Bach“ übersetzen –  schon mehrfach zu unheimlichen  Vorfällen gekommen wäre.

Ich heiße Jeanine und besuche die 3b Klasse der HS Bad Eisenkappel. Mit unserer Lehrerin haben wir beschlossen, am 24. September einen Wandertag in diese Gegend zu machen. Uns war  diese Geschichte zwar bekannt, aber wir haben uns darüber keine Gedanken gemacht. Unbekümmert begaben wir uns – 7 Buben und 12 Mädchen – direkt in den Bach und trieben darin allerlei Unfug.

Wir  bemerkten dabei nicht, dass wir uns immer weiter von den Lehrern entfernten und immer  tiefer in den Graben kamen.  Das  Bachbett änderte alle  paar Minuten seine Form – mal wurde Geröll angeschwemmt, dann wieder fort gewaschen, Baumstämme trieben auf der Wasseroberfläche, versperrten den Wasserlauf, bildeten Wasserfälle und wurden wieder – wie von Geisterhand bewegt – herum gerissen. Auf einmal wurde es unheimlich ruhig. Wir sahen, dass wir nicht mehr zurück konnten.

Peter, der sonst auch auf alles eine Antwort wusste, sagte: „Dann müssen wir halt weiter oben einen Ausweg finden“. Die Buben machten sich auf den Weg und wir Mädchen blieben, wo wir waren. Einige von uns holten die Handys aus ihren Verstecken – offiziell durften wir sie während der Unterrichtszeit ja nicht mithaben – und versuchten zu SMS-en. Manuela: „Habt ihr einen Empfang? Bei mir ist überhaupt kein Strich!“ Als sich herausstellte, dass alle Handys ohne Empfang waren, wurde uns erstmals ein bisschen unheimlich. Wir beschlossen, den Burschen zu folgen.  Als wir um die nächste Bachbiegung kamen,  sahen wir leichten Bodennebel vor uns und am Ufer des Baches eine sonderbar geformte Anordnung  von Steinen und Pflanzen. War das Natur oder wollte uns jemand damit etwas zeigen oder sagen?  Wir sprachen uns Mut zu und zogen nach kurzer Beratung weiter – keine sprach mehr ein Wort.

Der Nebel wurde immer dichter.   Immer öfter begegneten wir den sonderbaren Zeichen. Eines zog sich wie eine Riesenschlange mit einem besonderen Gesicht den Berg herunter. Sind das unsere Buben gewesen? Aber eigentlich hätten wir sie dann ja schon längst eingeholt – so viel vor uns  sind sie ja auch nicht aufgebrochen  – vielleicht eine Stunde oder so. Neben und um uns spielte das Wasser weiter seine Spiele. Riss weg, baute auf, staute und schwemmte. Die Felswände wurden immer steiler und höher.

Wegen des Nebels sahen wir keinen Himmel mehr. An einer Stelle sah es aus, als hätte jemand eine Brücke aus Holz gebaut, aber bevor wir sie betreten konnten, wurde sie vom Wasser weggeschwemmt. Alle waren wir schon nass, es war uns kalt und die Stimmung wurde immer bedrückter. Keine konnte mehr sagen, wie lange wir schon unterwegs waren. Als wir um die nächste Biegung kamen, geschah etwas Sonderbares: Der Nebel wirbelte auf und wir standen im blanken Sonnenschein. Das strahlende Licht bescherte uns ein märchenhaftes Bild: Ein kleines Bächlein floss fast  im rechten Winkel um  fast weiß-blanke Felsen vom Berg herunter und mündete in das linke Ufer „unseres“ Baches.

Weit oben sahen wir knallrote Flecken in der kleinen Schlucht und hörten von dort auch undeutliche Stimmen. Martina und Christine wollten sofort hinauf. Einige von uns hatten noch Bedenken. „Aber es ist ja so steil!“ motzte Patrizia. Martina, Christina, Vanessa und Melissa  ließen sich mit einigen anderen jedoch nicht abhalten und folgten dem steilen Bachlauf.
Später erzählte Christina: „Nach kurzer Zeit konnten wir erkennen, dass der erste rote Fleck ein Sessel war“.

Immer mehr fanden wir. Wie vor einer riesigen Bühne waren sie angeordnet. Je höher wir kamen, desto deutlicher konnten wir auch die Stimmen erkennen. Es waren unsere Buben! Als wir sie trafen, erklärte Peter, sie hätten einen sonderbaren Alten getroffen. Er hätte ihnen erzählt, dass er den Auftrag hätte, diese große Galerie  immer wieder herzurichten. Ganz weit oben im Berg würde ein unberechenbarer Geist wohnen, der die Macht über unendlich große Wassermengen hätte. Und wie es ihm gefiel, ließ er diese unkontrolliert durch das Tal rauschen. Deshalb wäre es auch sehr gefährlich, sich in dieser Gegend aufzuhalten.  Es entstünde immer wieder „Unordnung“ und  der Alte hätte diese  hier heroben eben immer wieder zu reparieren. Unten im Tal würden diese Arbeit  große stinkende und lärmende Eisenkolosse tun.

Als wir uns umsahen, sahen wir große rote Bilderrahmen an den verschiedensten Stellen entlang des Baches. Wir kamen uns vor wie bei einer Vernissage im Märchenland. Johannes hängte noch den letzten Rahmen auf. Eine tolle Installation! Knapp hinter ihm konnte ich ein schemenhaftes Gesicht entdecken. Ich erschrak. War das der Geist?

Durch ein schrilles Handyläuten wurde die Idylle gestört. Die Lehrer sind uns besorgt gefolgt und sind nun bei den im Tal gebliebenen Mädchen eingetroffen. Hocherfreut und erleichtert  stürmten wir den steilen Bachlauf wieder zurück. Auch die Buben kamen mit. Aufgeregt  erzählten wir den ungläubigen Lehrerinnen von  unserem Erlebnis. Als wir auf die verschiedenen Stein- und sonstigen Zeichen kamen erklärten diese, das wären LandArt-Marken  gewesen. „Das  sind besondere Zeichen“ sagte Frau Pototschnigg, „man sieht sie nur in unverdorbener Natur“. Sie würden die geografische in architektonische Natur verwandeln.

Mittlerweile waren wir alle wieder im Bereich des „Lebensraum Wasser-Zeichens“ angelangt. Nach kurzem Aufenthalt am Spielplatz machten wir uns zu Fuß auf den Weg zurück durch die Trögerner Klamm. Später wurden wir vom Autobus abgeholt. Ein bisschen unheimlich war  uns der Ausflug schon – aber insgesamt hat er uns sehr gut gefallen.

Hauptschule Bad Eisenkappel
SchülerInnen der 3b-Klasse
Lehrerin: HOL Annemarie POTOSCHNIGG
Trögern, September 2009

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