Verfasst von: eranger1 | 29. März 2010

Immerhin

Ich wollte längst umkehren, denn ich kenne diese Wälder nicht. Ich weiß von ihnen nur, dass sie den Ort, in dem ich Quartier genommen habe, völlig umschließen. Und ich weiß, was man über sie sagt: dass sie dunkel sind, geheimnisvoll und manchmal endlos. Ein Viertelstündchen wollte ich wegbleiben, nach dem Mittagessen, vielleicht zwanzig Minuten. Aus dem Buchenwald (Ahorn und Eichen darin wie Gäste) trete ich hinaus auf die Stirn eines sanften Abhanges: eine Wiese, durchsetzt mit Birkenreihen. Ich wollte längst umkehren, denn ich bin nicht gut zu Fuß. Ich gehe oder ich werde getragen. Immer der Hauch einer Spur, die mich führt. Bevor ich einbiege auf einen Pfad zwischen Himbeersträuchern sehe ich zurück, zweifle sekundenlang an meinem Orientierungssinn. Ich brauche, denke ich, nur einfach dieselbe Strecke zurückzugehen – bergauf. Ich esse Himbeeren; sie sind saftig und märchenhaft groß. Von Mücken und Bremsen bewacht. Ich wollte längst umkehren, doch noch immer geht es sanft abwärts. Der Weg teilt sich. Rechts eine Wiesenallee, in der Mitte ein Birkenwäldchen… Für einen Moment fühle ich einen Kampf um mich, einen Kampf, der im Zerrissensein endete, würde er nicht zuvor auf undurchschaubare Weise entschieden: Links (obwohl, wie ich Birken liebe…), links der Weg in die Fichten, wie ein Tunnel, schon sieht man das Licht am Ende, und es lockt…

Der weiche Boden. Ein Vogel, der knapp an meinem Kopf vorbeifliegt – ein Gefühl, als hätte er einen Flügelschlag lang ausgesetzt auf meiner Schulter. Plötzlich die klaffende Wunde einer hohlen Eiche: ein aufrecht stehender Sarg, dünn seine Wände, die bei der nächsten Berührung zerfallen. Ein scheuer Blick aus einer Wurzelhöhle. Etwas kriecht an mir hoch, Brennesseln umwachsen meine Beine, doch mit zwei Sprüngen bin ich ihnen entkommen.

Ich wollte längst umkehren, doch was ist der Wille eines Menschen gegen solche Wege: Dieser, kaum noch zu erahnen, windet sich erneut durch eine Wiese. Nicht zurücksehen – die Brennnesseln könnten übermannshoch sein inzwischen. Hier aber hat sich, scheint es, alle Freundlichkeit gesammelt. Knöchelhoch das Gras, von einem unglaublichen Grün, Löwenzahn dazwischen und Kamille. Blumen, deren Namen nur die Dichter und die Botaniker kennen. Ich aber, ich bin nichts dergleichen. Ein beliebiger Feriengast, der die Ruhe gesucht hat. Jetzt glaube ich die Spuren eines Treckers zu erkennen. Mögen sie ein Jahr alt sein oder älter, die ersten menschlichen Spuren seit langem. Ein leichter Wind. Ich bleibe stehen und warte darauf, dass er Stimmen heranträgt. Ich warte lange. Gehe weiter. An manchen Stellen ist der Boden feucht; ich sinke ein – seit Wochen, sagt man im Ort, habe es in dieser Gegend nicht geregnet.

Jetzt erst bemerke ich die Schilder, die auf eisernen Stelzen aus der Wiese ragen. Von den fremden Wörtern erkenne ich ein einziges: Irgend etwas ist hier verboten, doch was? Das Weitergehen? Das Stehenbleiben? Ist es verboten, Picknick zu machen, ein Lagerfeuer anzuzünden? Vielleicht gerate ich direkt ins Moor, womöglich wird hier auf Fremde geschossen? Solch merkwürdige Gedanken kommen einem. Aber der Weg geht weiter; dort drüben der dunkle Eingang in einen neuen Wald. Er würde jeden anlocken, ich bin kein Einzelfall.

Ich beginne, an der Existenz des Ortes zu zweifeln, aus dem ich gekommen bin. Ich weiß, längst wollte ich umkehren, seit Stunden, aber Wege gibt es noch immerhin.
Ich höre auf, nach den Mücken zu schlagen…

TEXT |Hubert SCHIRNECK | FOTO | Erich ANGERMANN

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