Verfasst von: eranger1 | 10. April 2010

LandArt

Land Art hat sich in den 1960er Jahren zunächst als Protestbewegung gegen den etablierten Kunstbetrieb in den USA entwickelt. Im Gegensatz zu Werken der bildenden Kunst, denen die Natur als Modell diente, wurde in der Land Art die Landschaft selbst zum Arbeitsfeld der Künstler. Man wollte kein neues Konsumgut liefern, sondern Bauwerke schaffen, die in keinem Museum, in keiner Galerie ausgestellt werden konnten, also weder transportabel, käuflich noch dauerhaft waren.

Michael Heinzer, ein Pionier dieses neuen Kunstverständnisses, schuf mit Bulldozern und Dynamit in der wüstenartigen Hochebene bei Las Vegas gewaltige „negative“ Skulpturen, die man nicht nur von außen betrachten, sondern begehen und als meditativen Raum erfahren sollte.

Zu Beginn gestatteten die Künstler nicht einmal Foto- oder Filmaufnahmen ihrer vergänglichen Arbeiten, um die Vermarktung zu verhindern. Wenn jemand die Kunstwerke sehen wollte, dann musste er sich auf eine innere und äußere Reise begeben und die Skulptur direkt in der Landschaft unter freiem Himmel bei Wind und Wetter mit all seinen Sinnen erleben.

Richard Long, ein britischer Land Art Künstler, erkundet auf seinen Wanderungen unbekannte Gegenden und arrangiert aus vorgefundenen Materialien geometrische Skulpturen wie Kreise, Spiralen, Rechtecke oder Linien. Seine zuvor auf einer Landkarte gekennzeichnete Route markiert er auf diese Weise auf der Erdoberfläche. In seinen Künstlerbüchern dokumentiert er diese Zeichensetzungen durch Fotografien, Landkarten und Texte, die er als gleichwertig und sich gegenseitig ergänzend betrachtet.

Vielfach geht es in der Land Art aber weniger um radikale, provozierende Eingriffe in die Landschaft, sondern um feinfühlige, häufig dekorative Gestaltungen von vergänglichen Objekten in der Natur.

Witterungseinflüsse wie Wind, Sonne, Regen, Frost, Schnee, Gezeiten oder Jahreszeiten werden häufig als „Mitspieler“ von Anfang an in die Gestaltung mit einbezogen und veranschaulichen so den immer wiederkehrenden Zyklus von Werden und Vergehen.

Andy Goldsworthy, ein schottischer  Land Art Künstler, der durch zahlreiche Bildbände einer breiten Öffentlichkeit bekannt ist und dessen Werk ein immenses Spektrum an Materialien und Dimensionen umfasst, meint dazu:

„In letzter Zeit bestand die Herausforderung für mich nicht darin, auf den Zerfall der Dinge zu warten, sondern die Veränderung als einen Teil des Werkes schon bei dessen Entstehung gedanklich mit einzubeziehen, sodass es mit seinem Zerfall und allmählichen Verschwinden an Kraft und Vollständigkeit gewinnt. Ich muss Objekte schaffen, die die Zukunft vorwegnehmen, ohne dass ich versuche, sie vorauszusagen oder in eine bestimmte Richtung zu lenken. Um die Zeit zu verstehen, muss ich mit der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft arbeiten.“

Goldsworthy, Andy, in: Zeit, Wandel, Ort; S. 7

Die fotografische Dokumentation solcher Prozesse spielt in der Land Art eine zentrale Rolle, da die wenigsten Betrachter diese mitunter langwierigen Entwicklungen mitverfolgen können.

„Ich habe als Kunststudent angefangen zu fotografieren: als ich meine ersten Arbeiten im Freien machte und meinen Lehrern erklären musste, was ich tat. Das ging am besten mit Fotos. Es ist immer noch ein bisschen so. Die Fotografie ist meine Art, über meine Skulpturen zu reden. Brancusi hat mal gesagt: Warum über Skulpturen reden, wenn du sie fotografieren kannst. Es ist die Sprache, mit der ich beschreibe, was ich gemacht habe. Auch für mich selbst ist es die Möglichkeit geworden zu verstehen, was ich gemacht habe. Wenn ich den ganzen Tag im Regen gearbeitet habe und müde bin, kann ich das, was ich gemacht habe, nicht mehr sehen und spüren. Ich brauche diese Zeit zwischen dem Machen und der Wiederkehr der Bilder, um noch einmal neu sehen zu können, was ich wirklich gemacht habe.“

Andy Goldsworthy, Zitat aus Rivers And Tides


Für die Schulung der sinnlich-ästhetischen Wahrnehmung
bietet das Vorbild der Land Art ein breites Spektrum an Gestaltungsmöglichkeiten. Mit einfachen Mitteln natürlich Gegebenes durch gestaltende Eingriffe neu zu formen, hervorzuheben oder zu verfremden, erfordert eine sensible Wahrnehmung. Dabei unterstützt die bewusste Reduktion auf natürliche Formen, Farben oder Strukturen die Vielschichtigkeit und Genauigkeit des Entdeckens ganz wesentlich. Sie öffnet die Augen und macht bisher Unsichtbares sichtbar.

Pablo Picasso unterstreicht die zentrale Bedeutung der Wahrnehmung für seine künstlerische Arbeit, wenn er sagt: „Ich suche nicht, ich finde!“

Schließlich spielen auch die Begriffe Zeit und Veränderung für die pädagogische Auseinandersetzung mit Land Art eine wichtige Rolle. Werke, die in konzentrierter Arbeit geschaffen wurden, können durch vielerlei Einflüsse sehr schnell verändert oder zerstört werden. Was bleibt, sind jedoch die Bilder im Kopf und die Erinnerung an gemeinsam Erlebtes.

REDAKTION | Astrid WAGNER | FOTO | Erich ANGERMANN

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Responses

  1. Land Art hat meiner Ansicht nach bis heute nicht an Bedeutung verloren. Im Gegenteil, je mehr natürliche Fläche verloren gehen, um so mehr gewinnt auch die Kunst in der Natur an Bedeutung.

    Wichtig für mich ist, diese Erkenntnisse und die Möglichkeiten, welche Land Art bietet (insbesondere die Förderung der Kreativität), an die Kinder weiter zu geben. Ein Ansatz hierzu bietet folgender interessanter Artikel zum Thema Land Art.


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